Gotteslob - Nr. 832 | Gotteslob - Ideen für Familien | Erzbistum Köln

Nr. 832 - Wo Menschen sich vergessen

Gespraech  Impuls

 

 

Was bedeutet: da berühren sich Himmel und Erde?
Wo können wir die Wege verlassen und neu beginnen?
Wie können wir uns verschenken?
Mit wem können wir uns verbünden und etwas Gutes tun?

Geschichten_Erzaehlungen  Geschichte

 

 

Eigentlich ist er mein Großonkel, aber alle nennen ihn Onkel Leopold, deshalb nenne ich ihn auch so.
Auf unseren Onkel Leopold war unsere ganze Verwandtschaft bis zum vorletzten Jahr ungeheuer stolz, denn er ist steinreich. Aber jetzt sagt mein Großmutter jedes Mal, wenn sie von ihm spricht: Der arme Onkel Leopold. Und meine Tanten halten ihn für verrückt. Aber ich glaube nicht, dass er verrückt ist. Er hat nur plötzlich was anderes getan, als die meisten tun.
Früher war er genauso wie alle anderen: schlau und fleißig, und außerdem hatte er Glück. Erst war er nur Verkäufer in einem Lebensmittelgeschäft, bis er so viel Geld zusammengespart hatte, dass er sich selber einen Laden kaufen konnte. Den vergrößerte er. Bald hatte er nicht mehr nur einen einzigen Laden, sondern sechs – in der ganzen Stadt verstreut. „LL-Läden“ nannten sich seine Geschäfte, das war eine Abkürzung für „Leopolds Lebensmittel“. Als erstes baute er an der Bahnhofstraße einen riesengroßen Supermarkt. Inzwischen sind es vier Supermärkte geworden. Ganze Scharen von Angestellten arbeiten darin für ihn.
Er wurde so reich, dass er sich eine Villa bauen konnte. Er hat einen Garten, groß wie ein Park, und ein Schwimmbecken. In seinem Haus hab‘ ich mich kaum zu rühren gewagt, wenn ich ihn besuchte, denn da standen riesige Vasen, und auf der Erde lagen Teppiche. Die Räume waren so groß, dass in jeden von ihnen unsere ganz kleine Wohnung hineingepasst hätte. Und immer war dort alles so ungeheuer ordentlich.
Onkel Leopold hat keine Kinder. Er war früher verheiratet gewesen, aber seine Frau hat sich von ihm scheiden lassen. Das ist schon lange her. Ich kann mich nicht mehr an sie erinnern. Es heißt, sie habe nicht mehr bei ihm bleiben wollen, weil er nichts anderes im Kopf gehabt habe als seine Supermärkte. Wie irre habe er gearbeitet. Fast nie sei er zu Hause gewesen, nur zum Schlafen. Obwohl er ein so schönes Haus hatte! In seinem Schwimmbecken habe ich ihn auch nie gesehen.
Obwohl er sich so abhetzte, wurde er immer dicker. Ich glaube, er bewegte sich zu wenig. Morgens fuhr er in sein Büro und saß dort den ganzen Tag in seinem Sessel. Abends fuhr er wieder heim. Er ging höchstens mal zu Fuß durch einen seiner Supermärkte, das war alles. Nie wanderte er, nie trieb er Sport. Er aß auch viel zu viel, nämlich die allerbesten Sachen aus seinen Supermärkten. Er hatte einen gewaltigen Bauch und ein Doppelkinn, und die Wangen hingen ihm herab. Wenn er sich bückte, wurde er ganz rot im Gesicht und keuchte.
„Das nimmt kein gutes Ende“, sagte meine Mutter zu ihm. „Wenn du so weitermachst, wirst du noch einen Herzinfarkt bekommen. Du musst dich schonen!“
„Hab‘ keine Zeit“, knurrte Onkel Leopold. „Ohne mich läuft der Betrieb nicht.“
Eines schönen Tages fiel er einfach von seinem Bürosessel. Zuerst dachten alle, er sei tot, denn er rührte sich nicht. Sie brachten ihn ins Krankenhaus. Sein Herz ging nur noch ganz schwach. Aber Onkel Leopold ist zäh. Er starb nicht. Langsam, ganz langsam kam er wieder auf die Beine. Er war ganz erstaunt, dass seine Supermärkte auch ohne ihn funktionierten.
Anfangs musste er sich noch schonen. Er sonnte sich in seinem Garten und badete jetzt auch in seinem Schwimmbecken. Er las viel und aß wenig. Er rief oft bei uns an: ich solle ihn besuchen, es sei so still bei ihm. Dann ging ich hin und durfte in seinem Schwimmbecken baden.
Als es ihm wieder besser ging, bekam er Lust zu reisen. „So viel Geld hab‘ ich“, sagte er, „und hab‘ doch nichts von der Welt gesehen!“
Es sollte also eine Weltreise werden, und ich beneidete ihn glühend darum. Er hätte mich gerne mitgenommen, denn er mochte mich gut leiden, aber ich konnte ja nicht so lange aus der Schule wegbleiben.
Aus seiner Weltreise wurde allerdings nichts, denn zu unserem Erstaunen kam er nur bis Indien. Von dort kehrt er zurück. Alle wunderten sich, aber sie bekamen nicht aus ihm heraus, weshalb er umgekehrt war. Nur mir erzählte er davon, und ich verstand, dass es ein Geheimnis bleiben sollte.
„Sie haben mich ausgeraubt“ sagte er. „mitten in einer großen Hafenstadt, als ich durch die Straßen schlenderte.“
„Wer hat dich ausgeraubt?“ fragte ich erstaunt.
„Eine ganze Schar von Bettelkindern“, antwortete er. „Ich glaube, es waren dreißig oder vierzig, zwischen vier und vierzehn Jahren, und fast alle von ihnen halb verhungert. Erst waren es nur ein paar, die hinter mir herzogen. Aber als ich ihnen Münzen zuwarf, merkten sie, dass ich was hatte und was hergab. Da wurden es immer mehr. Sie liefen hinter mir her, streckten ihre dünnen Arme nach mir aus und schrien. Als ich keine Münze mehr hatte, machte ich Zeichen, aber sie verstanden mich nicht. Sie wollten mich wohl nicht verstehen. Sie schrien und weinten. Sie umringten mich und ließen mich nicht weitergehen. Ich wollte davonlaufen, aber sie ließen mich nicht aus dem Kreis heraus. Ein kleiner Junge riss mir den Fotoapparat aus der Hand, ein Mädchen rannte mit meinem Hut davon. Sie haben mir auch meine Jacke, meine Aktentasche und meine Geldbörse abgenommen.“
„Wie gemein!“ rief ich. „Wo du ihnen doch Geld geschenkt hast!
„Das hab‘ ich zuerst auch gedacht“, sagte Onkel Leopold. „Ich war richtig empört. Aber dann hab‘ ich mir das mal überlegt. Meine paar Münzen haben längst nicht für alle gereicht. Die bekamen nur die Größten und Stärksten. Der Junge, der mir den Fotoapparat wegnahm, war klein und furchtbar mager, er wollte eben auch etwas bekommen.“
„Aber er konnte doch mit deinem Apparat gar nichts anfangen“ rief ich. „Sie haben meine Sachen sicher verkauft und Essen dafür beschafft“, sagte Onkel Leopold und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Das kann ich verstehen. Du und ich, wir hätten auch nicht anders gehandelt, wenn wir solchen Hunger gehabt hätten, und es wäre ein so satter, reicher Mann vorübergekommen. Na ja, und als mir das passiert war, hatte ich plötzlich keine Lust mehr, weiterzureisen. Ich hab‘ mich geschämt.“
Ein Vierteljahr nach seiner Heimkehr reiste Onkel Leopold aber doch wieder nach Indien – und blieb dort. Seine Supermärkte gehören ihm noch, er hat zuverlässige Leute, die sie verwalten. Es heißt, er habe in der Nähe von Kalkutta ein Waisenhaus für indische Kinder eingerichtet. Alles Geld, das ihm die Supermärkte einbringen, verbraucht er angeblich für sie.
„So was Verrücktes“, sagten meine Tanten. Unserer Verwandtschaft sendet er nur ab und zu Grüße, aber mir hat er ein Foto von sich geschickt. Darauf ist er mitten in einer Schar indischer Kinder zu sehen. Er hat keinen Bauch und kein Doppelkinn mehr. Die Kinder aber sehen nicht verhungert aus. Sie haben runde Backen und lachen. Und Onkel Leopold grinst so zufrieden, wie ich ihn früher, als er noch hier war, nie hab‘ grinsen sehen.


Gudrun Pausewang