Gotteslob - Nr. 759 | Gotteslob - Ideen für Familien | Erzbistum Köln

Nr. 759 – Hosanna dem Sohn Davids

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Der Mann auf dem Esel

 

Wenn man in Jerusalem, unserer Hauptstadt, lebt, begegnet man auf den Straßen immer wieder wichtigen Leuten. Und wenn man ein alter Mensch ist, hat man mächtige Männer kommen und gehen sehen: Hohepriester, römische Statthalter, Könige, Beamte. Ich lebe in Jerusalem und ich bin eine alte Frau. Also glaubt mir: Ich weiß, wovon ich rede.

Als ich heute Morgen ein Jubeln durch die Gassen schallen hörte, wunderte ich mich daher erst einmal nicht weiter. Da stolzierte gewiss wieder irgendein so genannter wichtiger Mensch durch die Straßen. Besser gesagt: ein wichtiger Mann. Oder hat von euch schon einmal jemand eine wichtige Frau getroffen, der auf der Straße zugejubelt wurde? Ich jedenfalls nicht.

Nun, ich hatte gerade nichts Besseres zu tun und muss auch zugeben, dass ich ein bisschen neugierig bin. So folgte ich der Richtung, aus der die Rufe kamen. Ich ging immer schneller, obwohl ich dabei keuchen musste. Wer war da wohl auf der Straße zu sehen? Ein König? Ein Priester? Einer von uns Juden oder etwa ein Römer? Von hinten näherte ich mich der Menschenmenge. Wie dumm, dass ich so klein bin. Deshalb konnte ich zuerst gar nichts sehen. Ich quetschte mich durch die Reihen. Endlich stand ich vorne. Meine Augen suchten nach einem Mann in einem goldenen Gewand, vielleicht mit einem besonderen Hut auf dem Kopf. Wo war er, der so bejubelt wurde? Ich hielt Ausschau nach Dienern, die den Erhabenen auf einem Sessel trugen. Oder die mit großen Fächern für kühle Luft sorgten. Ihr müsst nämlich wissen, dass es bei uns meistens sehr warm ist.

Aber ich sah nichts dergleichen. Oder war ich blind? Denn die Leute um mich herum winkten alle mit Zweigen. Ich verstand immer noch nicht, wem diese ganze Aufregung galt. Auf der anderen Straßenseite zog sogar jemand seinen Mantel aus und legte ihn auf den staubigen Boden. Ich sah ihn genau an und folgte seinem Blick: Er schaute auf einen Mann, der nun auf einem Esel die Straße entlang geritten kam. Ja, jetzt fiel es mir auf: Auch die anderen Zuschauer blickten alle auf diesen und jauchzten noch lauter, obwohl der Mann noch ein ganzes Stück von uns entfernt war.

Ich muss euch ehrlich sagen: Ich war zunächst enttäuscht. Nur ein Mann auf einem Esel. Er trug ganz normale Kleidung. Kein Gold, keine glänzenden Gewänder, keinen Schmuck. Unter einem hohen Menschen, dem man auf diese Weise zujubelte, hatte ich mir etwas Anderes vorgestellt. Schon allein die Tatsache, dass er auf einem Esel ritt, kam mir komisch vor. Das Tier hatte noch nicht einmal einen schön verzierten Sattel. Das wäre doch das Mindeste gewesen, nicht wahr? Nein, einfach bloß ein paar Gewänder lagen auf dem Tier, und darauf saß dieser Mann.

Die Kleidung war nicht das Einzige, das mich verwirrte. Wie gesagt: Ich habe schon viele bedeutende Männer beobachtet. Wenn die an einer Menschenmenge vorbeikommen, und die Menschen jubeln ihnen zu, dann lächeln sie stolz und winken ein wenig mit der Hand. Man sieht ihnen an, wie sehr sie den Beifall genießen. Nicht so dieser Mann auf dem Esel. Fast sah es so aus, als würde ihm gar nicht auffallen, welchen Wirbel er verursachte. Er saß einfach nur auf dem Esel und hielt sich fest. Mehr nicht. Vor ihm und hinter ihm gingen Menschen und jubelten, und am Straßenrand standen Leute und winkten mit Zweigen. Und er reagierte gar nicht. Könnt ihr euch das vorstellen?

Als er näher kam, versuchte ich in seine Augen zu sehen. Das war schwierig, denn er guckte nicht zu mir herüber. Stattdessen blickte er immer nach vorne. Obwohl: Wie ich ihn so betrachtete, schien mir, als würde er gar nicht nach vorne, sondern vielmehr nach innen gucken. Das klingt jetzt vielleicht komisch für euch, aber so wirkte es auf mich: Er hatte zwar die Augen geöffnet, aber ich glaube, er bekam von dem Trubel um ihn herum gar nicht viel mit. Er wirkte sehr ruhig und in sich gekehrt, so wie jemand, der betet. Versteht ihr, was ich meine?

Als er direkt an uns vorüber ritt, wurden die Rufe der Leute um mich herum einheitlicher. Endlich verstand ich, was sie schon die ganze Zeit jubelten: „Hosanna!“ Nun, das war ebenfalls ungewöhnlich. „Rette doch!“ bedeutet dies in unserer Sprache. Glaubten sie wirklich, dieser Mann auf dem Esel könnte uns retten? Und das war noch gar nicht alles: „Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Gesegnet sei das Reich unseres Königs David, das nun kommt. Hosanna in der Höhe!“

Ja, war ich denn die einzig Normale unter lauter Verrückten? Meinten die ernsthaft, dieser Mann würde uns von den Römern befreien und das Reich des Königs David wieder aufbauen? Bedeutende Männer sehen ganz anders aus. Doch halt! Ja, alle bedeutenden Männer, die ich in meinem langen Leben schon gesehen habe, sahen anders aus. Aber ich muss euch sagen: Diese so genannten bedeutenden Männer haben unserem Volk und mir selber gar nichts gebracht. Schon gar nichts Gutes. Die meisten waren nur an ihrem eigenen Ruhm, an Macht und Reichtum interessiert. Aber dieser hier war anders. Das habe ich ja schon gesagt.

Vielleicht musste ja so ein „ganz anderer“ kommen, um Rettung zu bringen. Vielleicht brauchte es einen, der nach innen schauen konnte und nicht am äußeren Jubel interessiert war. Vielleicht war er tatsächlich ein Gesegneter. Da konnte ich nicht anders und rief selber: „Hosanna! Bring doch Hilfe!“

nach Markus 11, 7-10

 

 

Mit freundlicher Genehmigung aus: Petra Klippel, Und alle wurden satt. Jesus-Geschichten zur Erstkommunion © 2012 Butzon & Bercker GmbH, Kevelaer, www.bube.de